#bildungsauftrag

ein Gastbeitrag von Alina Smithee

Den Womanizer W100 gibt es in den Farben rosa/kroko, schwarz/leopard, magenta/schneeleopard und noch einigen weiteren. Die Lieferzeit beträgt zwei bis drei Tage und er kommt mit USB-Ladegerät, USB-Ladekabel und modernstem aufladbarem Lithium-Ionen-Akku. Der Womanizer W100 ist der weltweit fortschrittlichste Klitoris-Stimulator und kostet 159 Euro. Und das ist doch mal was. Die günstigsten Geräte in dieser Geräteklasse gibt es schon für eine Handvoll Euros. Von ganz günstig zu weltweit führend ist es also hier gerade mal ein Unterschied von 150 Euro. Ich persönlich finde, das ist ein ganz okayer Deal. Für 150 Euro zur weltweiten Technikelite zu gehören, da investiere ich doch gerne. Gibt es sonst eine Sparte im Leben, in der man so schnell und einfach solche Fortschrittssprünge machen kann? Bei Personal Computern wird mindestens das zehnfache, bei Uhren das hundertfache, bei Autos das tausendfache fällig. Hier ist wieder mal der Spatz in der Hand besser als die Taube auf dem Dach.

Ich muss vielleicht etwas ausholen. Ich bin nämlich sowohl zukunftsgewandte Vergangenheitsforscherin als auch vergangenheitsgewandte Zukunftsforscherin.

Mit der Zukunft ist das ja immer so ein Ding: Es wird zweifelsohne Zeit, dass die Zukunft endlich ankommt. Stellen wir uns mal vor, wie paradiesisch in der Zukunft alles ist! Es herrscht Frieden zwischen allen Menschen, ein Pizza-Rehydrator steht nicht mehr nur am Euroairport Basel, sondern in jedem Haushalt, direkt neben dem 3D-Drucker, der den Einzelhandel überflüssig und somit die Innenstädte wieder zu lebenswerten Arealen macht, die Städte strahlen nur so vor neu gepflanzten Bäumen, und ein Auto selbst zu besitzen ist eine nervige Last. Das Blöde an der Zukunft ist lediglich, dass sie nicht lange anhält. Genauer gesagt: In dem Moment, in dem sie angekommen ist, ist sie auch schon wieder vorbei. Und wir sehnen uns der nächsten Zukunft entgegen. In der die Bäume noch grüner und die Pizzas noch saftiger sind. Eine ewige Spirale. Aber ich verteidige sie trotzdem jederzeit mit Leidenschaft und Vehemenz! Denn die Zukunft eilt sehr.

Doch wie auf jeder Schattenseite wohnt natürlich auch jedem Fortschritt eine Trauer inne. Denn so schön glitter-funky die Zukunft ist, trägt sie auch immer etwas von Tod in sich. All die liebgewonnenen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte werden über kurz oder lang verschwinden. Erinnert sich noch jemand an Akustikkoppler oder das gemeinsame Radiolauschen im Familienkreis?

Um am eigenen Leib zu spüren, wie sich die immerwährende Zukunft anfühlt, aber auch, um den Dingen und Gewohnheiten, von denen wir uns bald verabschieden müssen, einen schönen Lebensabend zu gestalten, habe ich vor einiger Zeit mein Leben umgestellt: Ich nutze nur noch Techniken, sowohl im materialistisch-technologischen als auch im menschlich-gesellschaftlichen Sinne, die kurz vor ihrem End of Life stehen.

Letztes Jahr erst habe ich mein Modem mit 56,6 kBaud der Firma U. S. Robotics begraben. Dabei hatte ich es etwa zwei Jahre vorher erst einem alten Rentnerehepaar abgekauft. Das Rentnerehepaar kam mit der Langsamkeit des Modems nicht mehr zurecht. Und jetzt kam das Modem mit der Schnelligkeit der heutigen Zeit nicht mehr zurecht. Es hat sich seinen Lebensabend verdient.

Musik kaufe ich mir nur auf Schallplatte. Und da verhält es sich sogar maximal paradox: All die modernen Hipster sind in den letzten Jahren in Schallplattenkaufräusche verfallen. Die Presswerke kommen nicht mit Pressen nach, aber es gibt auf der ganzen Welt nur noch sehr wenige Pressmaschinen. Um neue zu bauen, ist die Nachfrage aber bei Weitem nicht ausreichend. Außerdem ist das Wissen über eine korrekte Pressmaschine auch vor langer Zeit verschwunden. Und deswegen sorgen all die Menschen, die wie von Sinnen Schallplatten kaufen, mit ihrem Konsum dafür, dass die Pressmaschinen umso schneller kaputt gehen und somit die Schallplatte ihrem unabwendbaren Ende entgegensprintet. Maximal paradox, nicht?

Diesen way of life kann ich für berufliche Abwechslung sehr empfehlen. Ich suche mir zum Beispiel immer einen Job, der in absehbarer Zeit nicht mehr gebraucht wird. So schlage ich gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Ich darf mich immer wieder in neue Bereiche einarbeiten. Bereiche, die zwar kurz vor ihrem jeweiligen Ende stehen. Aber gerade dadurch aus historischer Sicht von nicht zu unterschätzendem Wert sind. Angewandtes Studium der Geschichte in der Universität des Lebens sozusagen.

Angefangen hatte ich vor einer gefühlten Ewigkeit als Setzerin bei der Tageszeitung. Das war die letzte Ausbildungsrunde, nach der ich dann nur noch Mediengestalterin hätte werden können. Mediengestalterin, alleine das Wort schon! Im großen Setzsaal der Zeitung gab es zwar nur noch eine kleine Ecke, die für die Setzer übrig geblieben war. Weil auch hier die Digitalisierung schon Einzug hielt. Aber das gefiel uns. So waren wir dank unserer Vergangenheitseuphorie die jungen Wilden.

Mit dem Gesellenbrief in der Tasche suchte ich mir den nächsten Job, dessen Ende abzusehen war. Erst wollte ich Börsenmaklerin werden. Aber das gab es schon nicht mehr. Highspeed-Trading-Systeme, die den Markt in Lichtgeschwindigkeit vollautomatisiert abhandelten, benötigten schon lange keinen menschlichen Input mehr.

Also wurde ich Rezeptionistin in einem gehobenen Hotel am Stadtpark. Die Arbeit machte mir Spaß, keine Frage. Die Gäste waren stets nett und zuvorkommend. Oder unverschämt und anmaßend. Wie das eben so ist. Und an dieser Arbeitsstelle musste ich dann länger ausharren als ich es mir vorher gedachte hatte. Wie das eben so ist mit der Zukunft: Manchmal braucht sie etwas länger, bis sie dann da ist. Aber eines Tages war es dann schließlich so weit: Dank der Smartphones müssen sich die Gäste gar nicht mehr explizit einchecken, die Systeme reden automatisch miteinander, alles läuft totally magically hinter den Kulissen ab. Und ich durfte mir wieder einen neuen Job suchen. Aber was tut man nicht alles für die Zukunft!

In der Süddeutschen Zeitung war vor Kurzem eine interaktive App. Der Titel: „Wie wahrscheinlich ist es, dass ich durch einen Computer ersetzt werde?“ und sie sagt zu jedem eingegebenen Beruf, wie wahrscheinlich es ist, dass dieser in den nächsten 20 Jahren durch einen Computer ersetzt wird. Als Feuerwehr-Einsatzleiterin ist die Wahrscheinlichkeit nur 0,4 Prozent, als Fernsehjournalistin 6,7 Prozent. Bei Vorstandssekretären beträgt die Quote 86 Prozent und bei Taxifahrern ganze 89 Prozent!

Und deswegen bin ich im Moment Taxifahrerin. Auch ganz schön. Die Gäste sind stets nett und zuvorkommend. Oder unverschämt und anmaßend. Wie das eben so ist. Sogar hier habe ich meinen kleinen Zukunft-smasht-Vergangenheit-Clash: Erinnert sich noch jemand an Taxizentralen? Wie oft auf Partys der Satz fiel: „Wie ist denn die Nummer vom Taxi-Unternehmen?“ Ist heute alles hinfällig, mit meinem Smartphone sehe ich in Echtzeit, wenn jemand mit seinem Smartphone ein Taxi bestellt und derjenige sieht in Echtzeit, wo ich mich gerade aufhalte und wie lange es noch dauert, bis ich bei ihm bin.

Sowieso Smartphones: Mein neues Smartphone hat so ’ne App, damit kann man Speed-Haten. Also da kann man den Namen einer Person eingeben und einen Grund zum Hassen. Das ist total verrückt! Also was man heutzutage alles machen kann, wenn man nur ’n bisschen Geld in die Hand nimmt! Die App übernimmt dann alles weitere, ich muss mich um nichts mehr kümmern, bin aber trotzdem meine schlechte Laune los.

Jetzt warte ich auf den Moment, wenn Mercedes, BMW, Google, Facebook und Tesla endlich die selbstfahrenden Autos in Serie produzieren können. Dann ist nämlich endlich die große Zeit angebrochen, in der es in den Städten keinen Individualverkehr mehr gibt. Sondern nur noch Carsharing next level: Wenn ich ein Auto brauche, rufe ich es mir kurz herbei und lasse es genau dort stehen, wo ich parke. Hach, das wird schön.

Und da die Zukunft manchmal schneller die Tür eintritt, als einem lieb ist, eine Bitte zum Schluss: Falls Sie in absehbarer Zeit eine passende Arbeitsstelle für mich haben, schicken Sie mir doch bitte ein Fax oder eine Mail an meine Compuserve-Adresse.

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