Wie ich einmal fast eine Kneipenschlägerei anfing

Von außen nach innen essen. Also nicht essen, sondern das Besteck in der Reihenfolge von außen nach innen benutzen. Und immer paarweise. Jede Gabel hat ihr Messer und anders herum. Oben liegen dann die Löffel. Ich frage mich ja, wer sich das so ausgedacht hat. Warum braucht’s denn für fast jedes Gericht ein eigenes Besteckset? Normales Messer, Steakmesser, Fischmesser und was es nicht alles gibt. Gut, haben wir jetzt gerade nicht. Aber trotzdem.

Wie war das noch schnell mit dem Essen abtrennen und dann zum Mund führen? Nach Lehrbuch soll ich so ein bisschen verdreht mit der Gabel das Fleisch aufspießen, dann mit dem Messer abschneiden. Oder abdrücken, wenn’s Fisch ist. Dann wieder Gabel raus, das Stück draufschieben und dann — Ach ich weiß es ja auch nicht. Der Herr Knigge, der hatte sicher eh den ein oder anderen Knick. In der Optik und im Denken.

Zum Essen eingeladen werden ist ja im Prinzip nett. Nehme ich ja auch immer gerne an. Jeden Tag nur in die Kantine gehen ist zwar praktisch, aber ganz sicher kein Gastrohochgenuss. Würde mich auch mal interessieren, was an mir so interessant ist, dass ich am laufenden Band eingeladen werde. Sagste ja nicht nein, oder?

Spannend ist’s halt, wenn das Gegenüber auch etwas Spannendes zu erzählen hat. Aber jetzt gerade ist es auch eher so semiinteressant. Zumindest für mich. Nee, mit leuchtenden Augen über solche Dinge zu reden, die mal echt maximal von mir entfernt sind. So kommen wir leider nicht auf einen Nenner. Naja, im Aushalten bin ich ja ganz gut. Und wie gesagt: Was macht man nicht alles für ein schmackhaftes Essen dann und wann.

Was liegt gleich noch an? Achso ja, diese hippe Cocktailbar. Dann ist aber auch schon bald wieder genug. Aperitif gab’s ja schon, die haben hier einen echt guten Canadian Whisky für den Manhattan. Perfect habe ich ihn gerne. Und dann gleich bestimmt noch einen Digestif. Ich glaube, einen Aquavit haben sie hier einen ganz guten. Aus Norwegen kommt der, wenn ich das richtig verstanden habe. Wer Sorgen hat, der hat eben auch Likör. Ja, den werde ich mir gleich mal näher anschauen.

Und dann später? Eigentlich habe ich ja gar keine Lust, dieses langweilige Gespräch noch länger aufrecht erhalten zu müssen. Mal schauen. Wenn es gar nicht mehr anders geht, werde ich wieder zum umgekehrten Notfallanruf greifen müssen. Ist zwar dann wieder so ’ne Notfalllüge. Aber dass ich mit Vornamen „Tennessee“ heiße, würde ich auch gern behaupten können, ohne zu lügen.

Eine Chance lasse ich noch. So’n guten Cuba Libre, den gibt’s ja eben auch nicht überall. Cuba Libre ist ein guter Gedächtnislöscher, wie ja jeder von uns nicht mehr weiß.

Mit was könnte ich denn sinnvoll zum Gespräch beitragen? Menschen, die ich gut leiden kann, frage ich gerne aus und lasse mir von ihnen so viel wie möglich erzählen und so die Welt erklären. Bei Menschen, die ich nicht gut leiden kann, tue ich dann ganz überinteressiert, lasse mir auch ganz viel erzählen, ohne dass es mich aber wirklich interessiert. Oder ich erzähle Geschichten vom Pferd, die sich so garantiert nicht zugetragen haben, und die ihnen ein völlig falsches Bild von mir vermitteln. Ja, das kann ich gut. Ist ja auch immer ganz witzig, wenn sie gerade on-the-fly erdachten Blödsinn einfach so für bare Münze nehmen. Wirklich Lust habe ich gerade weder auf das eine noch auf das andere.

Hm, so’n guter Wodka, das wäre ja jetzt noch eine Alternative. Ich habe ja noch Kram zu Hause. Das ist gut, das hier wird ja eh bald zu Ende sein. Besser als hier zu sitzen ist Wodka zu Hause allemal.

Ah, da ist ja schon die Rechnung.

(erschienen in HOCH&tief #10)

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