Darreichung zur Hausarbeit der A. K. K.

Selbst der Westdeutsche Rundfunk hat kürzlich erkannt, dass der Tod der CD unmittelbar bevorsteht. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk des bevölkerungsreichsten Bundeslandes einer der bedeutendsten Staaten der Europäischen Union stimmt den Untergang an auf eine Technologie, die einst antrat, Wohlstand und Kultur für alle Menschen zu bringen. Handlich, günstig, chic – sozusagen ein nachzügelndes Wirtschaftswunderkind, das den Übergang in das Technologiezeitalter rund und schillernd begleiten sollte.

Kaum ist die CD an ihrem 30. Geburtstag angelangt, wird sie auch schon wieder zu Grabe getragen. Sie hat ihre Aufgabe erledigt: Sie brachte music for the masses, und der Musikindustrie ging es blendend. Ich kann meine ersten drei CDs in richtiger Reihenfolge aufsagen und habe bestimmt so manches Taschengeld in Plastik investiert. Aber sie und ich, wir wurden nie wirklich warm miteinander: Immer schon fand ich ihre Hülle zu lieblos und zu steril, zu unästhetisch, zu hässlich. Es gab nichts anderes, also arrangierten wir uns schließlich. Zugegeben, der Schritt zum allgegenwärtigen Hitler-Vergleich ist sehr klein („Es war nicht alles schlecht mit der CD.“); aber wir werden eher auf Autobahnen aus recycleten CDs fahren als anders herum.

Bei näherer Betrachtung ist das mit der Demokratie in Russland eine ganz ähnliche Sache, besonders aus europäischer Sicht: Um präventiv Vorwürfen, bei den Wahlen sei getäuscht worden, aus dem Weg zu gehen, ließ das Ministerium für Telekommunikation für umgerechnet 620 Millionen Euro die gut 90000 Wahllokale mit Kameras ausstatten. Auch hinten in der letzten russischen Einöde. Und jetzt kommt mir bitte nicht mit Euren lustigen 2 Metern LWL, die Ihr noch in der Garage liegen habt! Ganze Satellitenkanäle ließ die Regierung anmieten, damit das Volk dem Volk beim Wählen zuschauen konnte!

Ein russischer Stammtisch bestehend aus fünf stämmigen mittelalten Männern mit zerfurchten Gesichtern und dunklen Fellmützen könnte sich 50 Jahre lang durchgehend die Aufnahmen anschauen, ohne dass sich etwas wiederholen würde. Wohlgemerkt: Jeder der Fünf sieht seinen eigenen Kanal. Ob die Männer sich wirklich auf Wahlbetrügereien konzentrieren würden oder sich doch eher in ihrem eigenen Humor darüber totlachen würden, wenn wieder ein rebellischer Jugendlicher „Ficken“ zwischen die Kästchen von Putin und Mironow schreibt, bleibt herauszufinden.

Aus Post-Privacy-Sicht bleibt mir zu sagen: Jawohl, endlich keine korrupten Wahlen mehr durch maximal mögliche Öffentlichmachung von vermeintlich geheimen Daten. Auch der alte Freund und Kupferstecher Putin musste mehr als stolz sein, hätte er so doch jegliche Vorbereitung für ein Attentat bereits im Keim ersticken können. Alleine: Es gab gar nicht erst einen Versuch. Die Gründe dafür mögen auch für immer im Dunkeln verbleiben.

Noch zwei aktuelle Überlegungen zum Schluss: Russische Investoren legen ihr Geld gemeinhin in alles an, was bereits von fern nach großem Geld aussieht. Briefmarken, Autos, ganze Städte. Hat man je davon gehört, dass diese Investoren auch Facebook-Aktien gekauft hätten? Mit den geltenden internationalen Handelsbeziehungen dürfte das doch kein Problem sein. Nach dem Facebook-Börsenflop schreit ständig jede Schlagzeile, dass sich kleine und mittlere Anleger betrogen fühlen und klagen wollen. Vielleicht ist es für den Weltfrieden besser, dass hier keine russischen Investoren Geld verloren haben. Vielleicht sind sie auch too big to fail oder gar systemrelevant?

Studiert unter den Lesern jemand Slawistik? Kann mir jemand sagen, ob man in Russland den Begriff „Negerpuppe“ überhaupt kennt und falls ja, wie er konnotiert ist?

(erschienen in HOCH&tief #08)

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