In Order To Dance

Neulich stand es wieder einmal – encore une fois, wie der Franzose sagt – in allen Zeitungen und sonstigen Gazetten: Die Gesetze der Physik seien auf den Kopf gestellt, die Wissenschaft müsse sich ein völlig neues Konstrukt erschaffen, und sowieso sei fraglich, ob es mit diesen neuen Erkenntnissen so einfach wie bisher weitergehen könne.

Was war passiert? Im Teilchenbeschleuniger konnten die Teilchen scheinbar zu schnell beschleunigt werden, jedenfalls schneller, als sie hätten sein dürfen. 60 Nanosekunden schneller, um genau zu sein. Des Rätsels Lösung: eine fehlerhafte Kabelverbindung, ein Messfehler. Und damit zerstreuten sich die Frohlockungen der Gemeinde auch schon wieder.

Was hatten sie sich schon darauf gefreut, endlich Zeitreisen machen zu können! Die Geburt des Universums miterleben, einmal Dinosaurier streicheln, beim Ritterturnier schummeln und das Burgfräulein abbekommen, Amerika entdecken, selbst die Republik ausrufen, noch einmal die Sonnenfinsternis erleben, noch einmal Abitur schreiben, den Bau der Mauer verhindern, immer wieder den einen besten Urlaub erleben — ach, die Möglichkeiten schienen schier endlos.

Aber all dies wird nie passieren. Und zwar nicht aus technischen Gründen. Der Tech-Sektor wird schon bald so weit sein. Es fing alles mit der Erfindung des Rades an, dann kam vor 50 Jahren der erste Flug zum Mond, in absehbarer Zeit wird sich jeder die eigene Alltagsrealität für sich persönlich so gestalten können, wie er sie gerne erleben möchte. Also technisch gar kein Problem. Nein, es sind die Menschen selbst, die Zeitreisen auf ewig verhindern und unmöglich machen werden.

Als die ersten Lokomotiven und Automobile erschaffen wurden, war es vielen Menschen völlig unverständlich, warum jemand mit solch einer rauschenden Geschwindigkeit, so in Eile reisen wollen würde. Es gingen Ängste um, die hohe Geschwindigkeit sei gar schlecht für das Gehirn. Noch nie gab es mehr Wissen als heutzutage!

Malen wir uns doch mal aus, was passieren würde, wenn wir heute eine Zeitreise in eine beliebige Vergangenheit unternehmen könnten:

In die Steinzeit: Die Steinzeitmenschen denken entweder, dass der Himmel über ihnen zusammenbricht, wenn sich eine leuchtende Zeitmaschine mit lautem brizzelfizzel, Blitzen und Nebel neben ihnen materialisiert. Oder sie erkennen den Menschen von heute nicht als Menschen, sondern jagen ihn.

Ins Mittelalter: Punkt 1 hier ähnlich. In dieser Epoche ist aber wohl eher der heutige Mensch aufgeschmissen. Dreckige Straßen, Krankheiten überall, außerdem kann er nicht mit den zeitgemäßen Waffen umgehen und sich generell nicht sozialisieren. Wird also auch nichts.

Ins 18. Jahrhundert: Mit etwas Anstrengung würde sich der heutige Mensch recht ordentlich zurechtfinden. So ’ne Saloonschießerei lernt man ja schnell. Hier sehe ich das Problem wiederum in den zeitgemäßen Bewohnern. Aberglaube, Misstrauen und Angst vor dem Neuen werden wieder dafür Sorgen, dass der clash of cultures, wie der Engländer sagt, nicht freundlich über die Bühne läuft.

Zum Schluss stellen wir uns noch vor, dass wir heute Besuch aus der Zukunft bekommen. Wir hören, dass jeder immer überall Zugriff auf das gesamte Wissen der Menschheit hat. Technik ist endlich dazu da, wozu sie ursprünglich geschaffen wurde: das Leben allumfassend zu vereinfachen. Niemand muss sich mehr Sorgen um seine Versorgung machen. Und um seine Zukunft. Natürlich würden wir diesen Besucher auslachen und von dannen jagen.

Deswegen wird es nie Zeitreisen geben: Die Menschheit war nie dazu bereit, ist es nicht und wird es nie sein.

(erschienen in HOCH&tief #07)

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