Anders. Nicht besser. (Re: Passagen 9 – II)

Sie können sich nicht vorstellen, wie anstrengend das Ganze ist. Unglaublich. Unwirklich. Ich verstehe es nicht, und es gibt niemanden, der es mir erklären kann. Es glaubt mir aber auch einfach niemand. Sie fragen, warum ich mich immer so komisch verhalte. Und ich weiß jetzt schon, wie Sie gleich reagieren werden. Sie werden mich auslachen wollen, und aus Höf‌lichkeit unterdrücken Sie Ihre Reflexe. Ich schätze Sie aber so ein, dass Sie das nicht so hinbekommen, dass ich es nicht merke. Sie werden schon sehen.

Das Problem: Ich kann nicht sterben. Ich kann Ihnen nicht aufzählen, was ich schon alles versucht habe oder was schon alles passiert ist. Die Hoffnung, biologisch zu sterben, habe ich bereits vor Ewigkeiten aufgegeben. Den ersten damals noch gemeinsamen Suizidversuch mit meiner Frau habe ich selbstverständlich überlebt. Zahllose weitere – ebenso.

Ja, ich habe sehr viel Schlimmes getan in meinem Leben. Meine ersten Jahrzehnte Lebenszeit waren geprägt von Ekel und Hass, Wut und Gewalt. Ich habe Dinge getan und veranlasst, für die ich mich mindestens schäme, für die ich bereits mehrfach um Verzeihung gebeten habe, es gibt nichts, was ich lieber ungeschehen machen würde. Es war meine Jugend (relativ zu meinem jetzigen Alter gesehen), und ich hielt mich natürlich für den gefährlichsten Kerl der Welt. Wer sich selbst als gefährlich anerkennt, dem sind wenige Orte unheimlich, und er kann gut begründen, wovon er Abstand nimmt. Aber irgendwann habe ich den Abstand verloren, und ich hatte nicht nur eine schlaf‌lose Nacht deswegen.

Mir erscheinen oft Möglichkeiten; und zwar tue ich nichts, richte mich aber nach dem, was im Allgemeinen später erst ein Schock ist. Das gerade Angesprochene gehört zum Beispiel dazu. Aber auch, wenn Sie mich fragen, warum ich Dinge aus meinem Fenster werfe, muss ich leider sagen: Um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und wie Sie sehen, funktioniert es hervorragend. Warum ich mich dann auch aus dem Fenster warf … Ich weiß ja, dass es nichts bringt. Um Aufmerksamkeit … Oder vielleicht weil ich es kann? Eine Mischung aus beidem und allem gleichzeitig?

Es ist ein Interesse, ein Anliegen auch.

(erschienen in HOCH&tief #05)

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