Die Zukunft eilt sehr

War ja klar. Gerade dann, wenn Eris ein einziges Mal das Vibromesser wirklich bräuchte, verweigert es den Dienst. Murphys Gesetze funktionieren wirklich immer noch. Was aber auch nicht weiter schlimm ist, ist sie doch eine Meisterin darin, Vibromesser zu reparieren (illegal natürlich). Dazu muss sie nur unter der Fußbodenverkleidung im Netzraum das unscheinbare Kästchen suchen, in dem sie über die Jahre alles zusammengetragen hat, was sie zur Vibromesserreparatur jedweder Art benötigt. Dieser Defekt kann nichts Großes sein, das Messer müsste in einigen Minuten wieder ordnungsgemäß funktionieren.

Und während sie ihr Messer cronzt, die Craldins einsetzt, noch einmal kurz cleast und dann wieder cypst, macht sie sich folgende Gedanken: Was unterscheidet die Welten heute eigentlich von der Welt vor fünfhundert Jahren? Bei näherer Betrachtung erstaunlich wenig. Die Leute gehen den Großteil ihres täglichen Weges immer noch zu Fuß. Es gibt nämlich bis heute kein Motorenkonzept für ein beliebiges Personenbeförderungsmittel, das einen Wirkungsgrad von mindestens 150 % erreicht. Alte Menschen müssen zwar nicht mehr zu Fuß gehen, für sie gibt es diese Ortho-lev®-Schwebestühle. Aber nur auf Rezept und wenn einmal etwas verpolt wird, schweben sie über Kopf. Das möchte man nicht haben. Beamen? Haha, seit hunderten von Jahren „kurz vor dem Durchbruch“.

Die Leute müssen immer noch essen, sie müssen immer noch trinken und auch immer noch wohnen in diesen zwar ultranützlichen, aber mächtig unschönen Wohnmaschinen. Klar gibt es auch die Kreativelite, die in den Wolken wohnt. Aber in Gedanken daran, wie furchtbar unpraktisch das ist, muss Eris mit den Augen rollen. Und erst das Schlafen! Immer noch hat kein einziger Forscher herausgefunden, wie man dieses schreckliche Schlafen aussetzen kann! Obwohl dafür schon seit Jahr und Tag ein von einer privaten Einrichtung gestifteter, mit immensem Ruhm verbundener Preis ausgelobt ist, muss immer noch jeder Einzelne ungenutzte Kuchenteile seiner Tagesscheibe mit Abschalten verbringen. Bäh, wie unzeitgemäß und unsexy!

Woran erkennt man eigentlich die heutige Zeit als die, die allen anderen überlegen ist? Ok, Spracherkennung funktioniert endlich. Hat auch mehr als lange genug gedauert. Und arbeiten geht auch niemand mehr, Geld wird jetzt einfach errechnet und dann meistbietend eingetauscht. Eigentlich auch ganz nett. Pizza rehydrieren – das möchte sie auch nie mehr missen! Das ist wirklich etwas, worauf vergangene Zivilisationen neidisch sein müssten, wenn es sie noch geben würde.

Aber sonst – ja, da bleibt nicht viel übrig. Es ist erschreckend, wie wenige Sachen sich heutzutage wirklich wie 26. Jahrhundert anfühlen. Noch einmal schnell, aber nicht weniger sorgsam den Griff des Vibromessers capelogen und es ist wieder einsatzbereit.

Jetzt ist Nico dran. Jetzt muss er sterben.

(erschienen in HOCH&tief #02)

Schreibe einen Kommentar