Der springende Punk

Jedenfalls fand ich mich so auf dem etwa dritten Punkkonzert meines Lebens wieder. Die Konzerte meiner Band von damals zähle ich nicht mit, im Rückblick darf das nicht als Musik bezeichnet werden. Vor Jahren (also zumindest vor genügend langer Zeit, dass ich keine Gelegenheit hatte, sie zu erleben) aufgelöst, wollten sich die Mannen kurz vor Weihnachten noch einmal zusammenfinden, einfach nur, um noch einmal gemeinsam vor Publikum die alten Gassenhauer zu spielen. Haben Sie je in einer Band gespielt, vor Publikum? Wahrscheinlich können Sie nur dann verstehen, welches Gefühl das bringt. Spaß haben und gleichzeitig die Welt retten, können Sie sich Besseres vorstellen? „Bastard Club“, selten einen Namen gehört, der mehr zum Augenrollen verleitete. Hört sich ein bisschen wie „Titty Twister“ für Arme an. Immerhin erkannte mich irgendjemand, der mir seinen Namen nicht sagen wollte, als Radiofritzen und schleuste mich über sein +1 in den Laden. Danach war er zu schnell weg, als dass ich ihn noch auf ein Bier hätte einladen können. Dabei verteile ich doch so gerne Biere. Wer auch immer je eins möchte, kann gerne zu mir kommen.

Sehr viele Menschen waren da, die alles andere als nach Punk, eher nach mittlerer Führungsposition mit stabiler Familie aussahen. Gefiel mir zusehends gut, sank so doch die Gefahr, dass ich als Prototyp des Nicht-Punks in dieser wütenden Menge negativ auffallen würde.

In bester Hipster-Manie stand ich breitbeinig in der Crowd, wippte von der Hüfte aus ab- und aufwärts, sang und schrie und weinte mit dem Sänger, trank ein Bio-Bier nach dem anderen, rauchte eine Fairtrade-Ziese nach der anderen und – ja klar, begaffte die ganze Zeit über das hübsche Indiemädchen neben mir. Wenn ich ein Kind der 80er wäre, hätte ich mir Gedanken gemacht, welche Tracks ich ihr auf ein Mixtape ziehen würde. Ich aber ertappte mich dabei, zu überlegen, welche Links ich an meine Facebook-Wall posten würde. „Nee, zu öde. Nee, zu politisch. Nee, zu asozial.“ Mal schauen, was ich finden würde, um via Teh Internet Eindruck bei ihr zu schinden.

Und ich dachte mir noch so: Schon komisch, dass so ein hübsches Mädchen so ganz allein unter so gefährlichen Männern herumhüpft.

In einer Mischung aus Neugier und weitergehender Tarnung und ein bisschen Schnäppchenjagdtrieb blätterte ich die schweren Kisten voller Punk-Vinyl durch. Manche Bandnamen verstand ich nicht, manche hätte ich lieber nicht verstanden. Nee, auch nichts für mich dabei.

Was meiner Meinung nach bei Punkkonzerten weggehen müsste wie geschnitten Brot sind Tragetaschen. Sind günstig, sehen hübsch aus, passt auch mal ein iPad rein – wie gemacht für den Business-Punk von heute. Also durfte es für mich ’ne Tragetasche sein.

Und die wertig ausgestellten Fanzines hatten es mir angetan. In eine Welt eintauchen, die mir so völlig fremd ist. Da der Chefredakteur höchstpersönlich verkaufte, ließ ich mir die Tasche voller Hefte packen. Dafür wollte er so wenig Geld haben, dass es mir leid tat, aber dass ich ebenso wusste, dass er ein guter Mann ist. Im Umdrehen hörte ich noch: „Endlich mal einer, der lesen kann.“ Doch noch als Fremder aufgefallen.

Und das hübsche Indiemädchen war auch nicht mehr alleine. Also musste ich mich betrinken.

(erschienen in HOCH&tief #00)

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